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19 Dezember 2024

Die unfassbare Welt von Gasdruckleugnern

Es gibt ja wirklich viel dummes Zeug im Internet und auch so einigen Unsinn, welcher man sich von Hobbyschützen anhören kann aber nichts davon ist so strunz dumm wie das Leugnen des Gasdrucks in Feuerwaffen. Naja nicht ganz, denn obwohl wir seit Blaise Pascal wissen, dass Gasdruck in geschlossenen Systemen allseitig ist, wird meist nur eine ganz bestimmte Seite des Drucks geleugnet nämlich der Rückdruck, ergo die Stoßbodenkraft und damit die so ziemlich gefährlichste Kraft in einer Feuerwaffe. Die meisten wissen gar nicht wie nötig wir in Deutschland unsere ganzen Regeln und die Beschussämter haben, bis man es mit einem Rückdruckleugner zu tun bekommt. Aber fangen wir an, den Unsinn wissenschaftlich zu zerlegen.

Literatur

Der Ursprung ist ein bekannter Fehler in der amerikanisierten Waffensprache, wonach Waffen mit Masseverschlüssen zu den Rückstoßladern gezählt wurden. Dieser Fehler wurde leider sehr oft unreflektiert abgeschrieben. Trotz dieses Fehlern in der Benennung, ist die Beschreibung in der Fachliteratur meist richtig und gibt korrekt an, dass Masseverschlüsse vom Gasdruck angetrieben werden.

Rückdruckleugner sind jedoch der falschen Überzeugung, dass die Benennung als Rückstoßlader, für Masseverschlüsse, richtig sei und argumentieren teils sehr aggressiv dagegen, wenn man sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass dies nicht den mechanisch physikalischen Tatsachen entspricht. Ihre Argumentation besteht dabei meist aus Scheinargumenten sowie aus Geschwurbel, das zwar auf den ersten Blick wissenschaftlich klingt aber keiner empirischen Prüfung stand hält. Zudem widersprechen sie, mit dieser Ansicht, folgenden deutschen Fachwerken:

  • Die principiellen Eigenschaften der automatischen Feuerwaffen von Karel Krnka
  • Handfeuerwaffen, Systematischer Überblick über die Handfeuerwaffen und ihre Geschichte von Jaroslav Lugs
  • Verschlusssysteme von Feuerwaffen von Peter Dannecker
  • Waffen-Schmidt Waffen- und Munitionstechnisches Handbuch von Karl Böhlein, Rolf Brand
  • Moderne Faustfeuerwaffen von Gerhard Bock
  • Innere Ballistik. Die Bewegung des Geschosses durch das Rohr von C. Cranz
  • Die Handfeuerwaffen Ihre Entwicklung und Technik von Robert Weisz
  • Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch von der Rheinmetall GmbH, Dr. R. Germershausen
  • Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik von Thomas Enke
  • Waffenlehre für die Bundeswehr von Heinz Dathan
  • Die deutschen Militärgewehre und Maschinenpistolen 1871-1945 von Hans-Dieter Götz
  • Visier Special Ausgabe 68 P.38 & P1 Die Pistolenfamilie von Matthias S. Reckenwald
  • Schützenwaffen Heute (1945-1985) von Günter Wollert, Reiner Lidschun, Wilfried Kopenhagen
  • Die offizielle Geschichte der Oberndorfer Firma Heckler&Koch von Manfred Kersten, Walter Schmid
  • ...sowie weitere

Das Phänomen existiert im übrigen nur in der deutschen Sprache. Im englischen zählt die Antriebsart Blowback als Unterkategorie von Gas Operation im Gegensatz zur Recoil Operation. Auch das versuchen Rückdruckleugner zwar zu leugnen, stehen dabei aber gegen:

  • The World's Assault Rifles von Gary Paul Johnston & Thomas B. Nelson
  • Sub-Machine Gun, The Development of Sub-Machine Guns and their Ammunition von Maxim Popenker & Anthony G. Williams
  • Engineering Design Handbook - Gun Series - Automatic Weapons vom United States Army Materiel Command
  • Hatcher's Notebook, A Standard Reference Book von Julian S. Hatcher
  • The Machine Gun Vol. IV Design Analysis of Automatic Firing Mechanism von Georg M. Chinn
  • Tactical Small Arms of the 21st Century von Charls Cutshaw
  • ...sowie gegen weitere englische Autoren.
Ursachen

Die Ursache für dieses Verhalten ist wahrscheinlich darin begründet, dass Rückdruckleugner nicht zugeben können und wollen, dass sie jahrelang unrecht hatten. Wir erinnern uns an den von Simon Stolle beschriebenen Gunning-Kruger-Effekt, wonach das Wissen über Waffen zu einem Teil der Persönlichkeit von machen Laien und Endbenutzern wird. Geht nun Jemand her und macht sie auf einen Fehler aufmerksam, so hat das Ego des Rückdruckleugners Angst, dass ein Teil der Persönlichkeit weggerissen werden kann. Dagegen muss sich das Ego des Rückdruckleugners mit allen Mitteln wehren, sie es hat und das sind meist keine sachlichen Argumente, sondern Scheinargumente, persönliche Angriffe auf das Gegenüber und pseudo wissenschaftliches Geschwurbel. Das es Messungen und Zeitlupenaufnahmen der Waffen gibt, wird von Betroffenen einfach weg ignoriert.

Rückdruckleuger verstehen zudem meist nicht, dass es sich bei der Frage um eine naturwissenschaftliche Frage handelt und versuchen mit Argumenten aus anderen Wissenschaftsbereichen zu argumentieren. So versuchen sie es oft mit Axiomen aus Strukturwissenschaften, dem sogenannten Axiomenexport.

Typische Argumente

Rückdruckleugner benutzt, für die Untermauerung ihrer Schwurbelei häufig die immer gleichen Argumente. Die meisten davon Scheinargumente oder Behauptungen ins blaue hinein, in der Umgangssprache auch Lügen genannt.

Es war schon immer so.

Nein, der Fehler stammt hauptsächlich aus den 50er Jahren. Die erste Kategorisierung der automatischen Waffen in der deutschen Sprache von Karel Krnka listet Waffen mit Masseverschluss als Gasdrucklader auf.

In der Mehrheit der Fachliteratur steht...

Nein, es wird zwar manchmal das Wort Rückstoßlader verwendet aber in Fließtext liest man, dass der Gasdruck den Verschluss antreibt. Selbst wenn, so hat eine Mehrheit in einer Naturwissenschaft wenig Gewicht gegen ein Experiment. Es sei an das Buch 100 Autoren gegen Einstein erinnert.

Aber in der Dienstvorschrift steht...

Ja aber in einer anderen Dienstvorschrift steht auch, die P1 sei ein Rückdrucklader und auch das ist physikalisch nicht richtig. Hier wird versucht eine naturwissenschaftliche Tatsache mit einem Axiom aus einer Formalwissenschaft zu belegen, typischen Schwurbler verhalten.

Aber der Hersteller sagt...

Nein, Heckler & Koch haben schon vor Jahren die Drucksache 358 rep.6 herausgegeben und dort klar Stellung bezogen. Warum im Werbematerial was anders steht, sieht man am verhalten der Rückdruckleugner. Die Firmen haben keine Lust sich böse Emails von Schwurblern schicken zu lassen.

Dann gibt es aber gar keine Rückstoßlader...

Doch, die gibt es eine Glock 17 wird ohne Geschoss nicht repetieren, egal wie groß der Gasdruck im Lauf ist.

Es ist doch Egal, ob die Waffe mit Manöverpatronengerät funktioniert und nicht

Nein, ist es nicht, denn genau das ist eines der Experimente zur Kräftefindung, das ist ein der Physik eines der wichtigsten Formen der Erkenntnisgewinnung. Das wissen aber die Schwurbler nicht. Repetiert eine Waffe ohne Geschoss ist sie kein Rückstoßlader.

Was ist mit dem MG42?

Das nutzt ein hybrides Antriebsystem aus Rückstoß und Gasdruck, ohne Rückstoß arbeitet das Gasssystem weiter. Ist aber auch seit Jahren bekannt.

Mathematische Probe

Es existiert eine einfache mathematisch Rechnung, um empirisch adäquat feststellen zu können, ob es sich bei einer Feuerwaffe, um einen Rückstoßlader handelt. In seinem Magnum Opus Philosophiae Naturalis Principia Mathematica definiert Issac Newton die natur Gegenreaktionen im zweiten Teil des dritten Axioms wie folgt:

Actioni contrariam semper et aequalem esse reactionem, sive corporum duorum actiones in se mutuo semper esse aequales et in partes dirigi.

Daraus ergibt sich folgende mathematische Formel:

Actio-Masse × Actio-Geschwindigkeit = Reactio-Masse × Reactio-Geschwindigkeit

Übertragen auf Feuerwaffen:

Geschoss-Masse × Geschoss-Geschwindigkeit = Verschluss-Masse × Verschluss-Geschwindigkeit

Nun setzt man nun die Masse-Werte für die israelische Maschinenpistole Uzi (MP2 bei der Bundeswehr) ein. 6860 Gramm für den Verschluss sowie 8 Gramm für ein durchschnittliches Geschoss einer 9x19 mm Patrone. Gesucht ist die Verschlussgeschwindigkeit ergo der resultierende Impuls der Reactio-Masse. Für die Rechnung nimmt man jedoch einen Geschosstecker im Übergangskonus an, bei welchem sich das Geschoss nicht bewegt. Mathematisch setzt man dazu für die Variable der Geschossgeschwindigkeit eine Null ein.

8 Gramm × 0 = 6860 Gramm × ?

Da Null multipliziert mit einer natürlichen Zahl immer ebenfalls Null ergibt, steht auf der liken Seite ein Wert von genau Null.

0 = 6860 Gramm × ?

Auf der anderen Seite wird mit 6860 Gramm das Verschlussgewicht der Uzi eingetragen. Da Null gleich Null ist, müsste man mathematisch davon ausgehen, dass sich der Verschluss der Uzi bei einem Geschossstecker nicht bewegen dürfte, damit auf der anderen Seite der Gleichung ebenfalls ein Wert von Null steht. Da sich der Verschluss in der Realität trotzdem bewegt, gibt es zwei Möglichkeiten:

Entweder man akzeptiert, dass 0 nicht gleich 0 ist. Dies widerspricht jedoch der wissenschaftlichen Mathematik. Aus diesem Grund muss diese Lösung des Problems als unwissenschaftlich verworfen werden.

0 = ≥1

Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass man der Mathematik, damit der Wissenschaft und ihren empirischen Arbeitsmuster treu bleibt und davon ausgeht, dass der Rückstoß, welcher mathematisch gleich Null ist und damit den Verschluss nicht bewegen kann, nicht für die Verschlussbewegung der Uzi verantwortlich ist.

0 = 0

Lösung

Der Verschluss der Uzi Maschinenpistole wird nicht vom Rückstoß, sondern vom Gasdruck angetrieben. Das dritte Axiom nach Issac Newton greift hier nicht, um die Verschlussbewegung zu berechnen. Die richtigen physikalischen Gesetze wären zum einen die Definition des Drucks als:

p = F / A

Druck (p) ist die Kraft (F) geteilt auf die Fläche (A). Umgestellt nach F:

F = p * A

Die Kraft, welche auf den Verschluss wirkt ergibt sich aus dem Druck (p) mal der Fläche (A) des Patroneninnebodens.

Die zweite Formale ist die Definition eines Kraftstoßes als:

i = f / m

Der gesuchte resultierende Bewegungsimpuls (i) des Verschlusses ist gleich der resultierenden Gasdruckkraft (F) geteilt durch die Masse (m) des Verschlusses. Der Verschluss der Uzi wird von der Kraft (f) des Gasdrucks (p) angetrieben und erhält dabei eine Geschwindigkeit anhängig von seiner Masse (m), aus diesem Grund wird das Verriegelungssystem der Uzi wissenschaftlich als Masseverschluss bezeichnet sowie das Antriebssystem als indirekter Gasdrucklader.

Beweis Krummlaufwaffen


Die obere Kanone fährt beim Schuss, durch den Rückstoß der abgefeuerten Kugel, zurück. Die zweite Kanonen, dessen Lauf nach oben gebogen ist, wird jedoch nach unten gestoßen und landet im Dreck.

Rückstoß und Rückdruck wirken,
bei Waffen mit krummen Läufen,
in unterschiedliche Richtungen.
Bei keiner anderen Waffenart oder Waffenzubehör ist der Unterscheid zwischen Rückstoß und Rückdruck deutlicher als bei Waffen mit krummen Läufen oder Krummlaufaufsätzen, wie dem Vorsatz P für das Sturmgewehr 44. Durch den krummen Lauf, verlässt das Geschoss die Waffe seitlich, wodurch auch der Rückstoß final seitlich auf die Waffe wirkt. Ein Stg.44 mit Vorsatz P schlägt nicht nach hinten, in Richtung der Kolbenplatte, sondern, je nach Ausrichtung der Laufmündung, zur Seite oder nach oben. Folglich wirkt der Rückstoß hier entgegen dem Geschossaustritt. Der Rückdruck hingegen wirkt nach wie vor auf den Stoßboden der Waffe.

Gäbe es keinen Rückdruck, sondern nur Rückstoß, so würden direkte Gasdrucklader mit Krummläufen, wie eine Ruger 10/22 nicht mehr in der Lage sein zu repetieren, da nun der Rückstoß nicht mehr nach hinten auf den Stoßboden wirken würde, sondern seitlich auf die Waffe. Direkte Gasdrucklader (Rückdrucklader) genauso wie indirekte Gasdrucklader (Stg.44 mit Vorsatz P) sind jedoch auch mit gebogenen Läufen oder Krummlaufaufsätze nachwievor in der Lage zu repetieren.

Rückstoßlader, wie die Walther P.38 oder Glock 17 hingegen stellen beim Aufsatz eines Krummlaufes jegliche Repetierfunktion ein. Aus diesem Grund, wird im israelischen Cornershot die gesamte Pistole mit Stoßboden angewinkelt und auf einen Krummlauf für die eingesetzte Pistole verzichtet.

Der Text wird wahrscheinlich nicht reichen, um bildungsferne Hobbyschützen aus ihrer an Verschwörungsmythen grenzenden Sturheit zu holen und ins Licht der empirischen Wissenschaft zu führen aber eventuell fand es ja der ein oder anderen unterhaltsam.

Weitere Grundladen:

Die principiellen Eigenschaften der automatischen Feuerwaffen, Karel Krnka, 1902

Die Handfeuerwaffen Ihre Entwicklung und Technik, Robert Weisz, 1912

Innere Ballistik. Die Bewegung des Geschosses durch das Rohr, C. Cranz, 1926

Handfeuerwaffen, Systematischer Überblick, Jaroslav Lugs, 1956

Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch, Dr. R. Germershausen, 1977

Waffenlehre - Grundlage der Systemlehre, Wolfgang Pietzner, 1998

Verschlusssysteme von Feuerwaffen, Peter Dannecker, 2016

Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik, Thomas Enke, 2021

Hatcher's Notebook, A Standard Reference Book, Julian S. Hatcher, 1948

The Machine Gun Analysis of Automatic Firing Mechanism, Georg M. Chinn ,1955

Engineering Design Handbook Automatic Weapons, USA Materiel Command, 1970

05 September 2024

Wie sich Schalldämpfer auf Halbautomaten auswirken

Hallo alle zusammen und Willkommen zu einem neuen Post zum Thema Waffenkunde.

Ich musste neulich wieder die Aussage hören, dass man es nicht voraussehen könnte, ob ein Schalldämpfer bei einem Halbautomaten oder einer vollautomatischen Waffen nun Unterfunktion oder Überfunktion entsteht.

Gut, dass kann man natürlich nicht, wenn man nicht weiß, welche Waffen von welchen Kräften angetrieben werden und Gasdruck nicht vom Rückstoß unterscheiden kann. Das ist als würde man versuchen zu kochen, ohne in der Lage zu sein Zucker von Salz zu unterscheiden.

Deswegen erstmal die Grundladen, die eigentlich Jeder, der sich mich Waffentechnik auseinandersetzt beherrschen sollte. 

Waffen mit Masseverschluss, werden vom Gasdruck angetrieben, wie man in seriösen Fachwerken nachlesen kann.

Waffen mit Gasbohrung oder Staudüse werden ebenfalls vom Gasdruck angetrieben.

Waffen mit lang zurückgeleitendem Lauf werden vom Rückstoß angetrieben, der lokal wirkende Gasdruck kann eine Lauf-Verschluss-Koppelgruppe nicht bewegen, genauso wie ein Dampfdrucktopf nicht plötzlich durch die Küche fliegt, weil der Deckel von unten Druck erfährt. 

Soweit so einfach, das erste mal kompliziert wird es erst bei Waffen mit kurz zurückgleitendem Lauf, denn das kurze zurückgeleiten des Laufes wird zwar durch den Rückstoß bewerkstelligt und damit auch die Entriegelung. Jedoch passiert dies so früh, dass noch mehr als genug Gasdruck im Lauf vorhanden ist, um den Verschluss nach hinten zu treiben. Die Verschlussöffnung wird also hier durch den Gasdruck angetrieben.

Mit diesen Erkenntnissen ergibt sich der erste Teil unserer Tabelle.

  • Masseverschlüsse erleben Überfunktion
  • Waffen mit Gasbohrungen oder Staudüsen erleben Überfunktion
  • Waffen mit lang zurückgleitendem Lauf erleben Unterfunktion
  • Waffen kurz zürckleitendem Lauf erleben beim Entriegeln Unterfunktion
  • ...aber beim öffnen des Verschlusses Überfunktion
Die Ursache für die Überfunktion von Gasdrucklader ist einfach, dass das Gas länger im System gehalten wird. Die meisten Gasdrucklader (Masseverschlüsse wie auch solche mit Laufbohrungen und Staudüsen) sind drauf ausgerechnet, dass es mit dem Austritt des Geschosses aus der Mündung, zu einem rapiden Gasdruckabfall kommt. Dieser schiebt sich jedoch Zeitlich weit nach vorne und so hat der Gasdruck deutlich länger Zeit auf direkt auf den Verschluss (bei Masseverschlüssen) oder auf Gaskolben (Gasdrucklader mit Hubkolben) oder Teile des Verschlusses (Gaseinleitung) einzuwirken.

Die Ursache für die Unterfunktion bei Rückstoßlader liegt in der Zusätzlichen Masse am Lauf, welche mit bewegt werden muss. Die meisten Rückstoßlader sind darauf berechnet, genau ihre Laufmasse zu bewegen, wenn auch mit Spielraum. Wird diese zu bewegende Masse erhöht, so ergibt sich Unterfunktion.

Gleiches gilt für Rückstoßlader mit kurz zurückgleitendem Lauf, nur das dort die Entriegelung sehr früh geschient und nach dem Übergang von der formschlüssig statischen Verbindung zur kraftschlüssig dynamischen der verbleibende Gasdruck im Lauf den Verschluss- oder Schlitten-Antrieb übernimmt. Dies ist gut zu beobachten bei Waffen, dessen Auszieherkralle entfernt wurde und welche trotzdem zum Auszug und teilweise sogar zum fehlerfreien Auswurf von Patronen fähig sind, nachdem das Geschoss den Lauf der Waffe verlassen hat, da ab diesen Zeitpunkt der Rückstoß nicht mehr in der Lage ist, auf Waffenteile einzuwirken.

Jetzt wird es aber nochmal kurz kompliziert und wir müssen uns kurz mit dem Thema Rohrhub beschäftigen. Dieses Phänomen dürfe am ehesten von Maschinengewehren wie dem MG42 oder MG08/15 bekannt sein. Hier wird das Rohr selber als Gaskolben verwendet und vom Gasdruck in einer Staudüse nach hinten geworfen.

Dieser Effekt tritt aber nicht nur dann auf, wenn man ihn haben will, sondern immer, wenn sich dem Gasdruck die Gelegenheit bietet, sich zwischen einen beweglichen Lauf und das Waffengehäuse zu drängeln. Wichtig wird dieser Effekt, wenn wir uns mit Schalldämpfer beschäftigen, welche nicht an die Rohrmündung also ein Laufgewinde, sondern am Waffengehäuse befestigt werden, denn dann gelten Teilweise komplett andere Regeln für den Einfluss von Schalldämpfern auf automatische Waffen.
  • Gasdrucklader erleben weiter Überfunktion, da ihre Läufe meist feststehen.
  • Rückstoßlader mit lang zurückgleitenden Läufen erleben Überfunktion.
  • Rückstoßlader mit kurz zurückgleitenden Läufen erleben Überfunktion beim Entriegeln und Laden.
Die zunächst vom lauffesten Schalldämpfern benachteiligen Rückstoßlader erleben nun, durch Rohrhub, durchgehen Überfunktion. Die lauffesten Schalldämpfer verhalten sich, an der Mündung der Waffe, wie die Staudüsen von MG42 und MG08/15 und verwandeln die Waffen praktisch in Gasdrucklader.

Schalldämpfer und automatische Waffen Als praktische Tabelle

Fazit:

Wir sehen also, dass das Verhalten von automatischen Feuerwaffen in Verbindung mit herkömmlichen Schalldämpfern nicht dem Zufall überlassen ist, sondern sehr wohl vorausgesehen werden kann, wenn man zwei Bedingen erfüllt. Ernstes muss man sich an die wissenschaftliche Einteilung von Antriebssystemen halten. Zweitens muss man in der Lage sein Gasdruck und Rückstoß zu unterscheiden und drittens muss man zwischen laufwesten und gehäusefesten Schalldämpfer unterscheiden und den Effekt des Rohrhubes kennen.

Appendix:

Es existieren natürlich auch Schalldämpfer, welche diese Probleme durch besonderen Konstruktionen umgehen. So schalten Schalldämpfermasseentkoppler (Nielsen Device) die Unterfunktion bei Waffen mit kurz zurückgleitendem Lauf weitgehend aus. Schalldämpfer mit entlüfteter Erststufe (Flow Through Design) erzeugen bei Gasdruckladern weniger Überfunktion und Schalldämpfer mit deutsch erweiterter Erststufe erzeugen bei Rückstoßladern deutlich weniger Rohrhub.

20 Juli 2022

Die falsche Vorstellung, dass die Auszugsgegenreaktion der Rückstoß sei

 Hallo alle zusammen und herzlich Willkommen zu einem neuen Beitrag zum Thema Waffenkunde.

Dieses mal schauen wir uns den neusten Auswuchs der geistigen Gymnastik der Gasdruckleugner an, also jenen Individuen, welche leugnen dass direkte Gasdrucklader vom Gasdruck angetrieben werden, obwohl dies von Experten wie Karel Krnka (1902), Robert Weisz (1912), Carl Cranz (1926), Jaroslav Lugs (1956), Dr. Germershausen (1977), Wolfgang Pietzner (1998), Peter Dannecker (2016) und Thomas Enke (2020) so gesehen wird.

Aber kommen wir mal zur neusten Theorie, mit denen die Querdenker unter den "Waffenexperten" gerade hausieren gehen. Diese besagt von mir zusammengefasst folgendes:

Wenn das Treibmittel in der Brennkammer der Patronenhülse zündet, setzt sich dieses Treibmittel in Treibgase um und diese Treibgase drücken auf den Boden des Geschosses. Dieser Druck treibt das Geschoss aus dem Mund der Hülse heraus.

Soweit alles richtig und bekannt. Es geht aber wie folgt weiter:

Da sich das Geschoss jetzt in Bewegung setzt, kommt es, dem dritten physikalischen Gesetzt nach Newton zu einer Gegenreaktion. Es wirkt also eine der Geschossbewegung entgegengesetzte Kraft nach hinten, diese nutzt die Pulvergase als fluidmechanischen Körper und drückt die Patronenhülse nach hinten.

Jetzt kommt eine besonders wichtige Stelle:

Da dies alles schon passiert, bevor das Geschoss die Hülse komplett verlassen hat, kann diese Gegenreaktion auf die Patronenhülse einwirken, bevor der Gasdruck dazu in der Lage sein soll. Damit nämlich der Gasdruck von sich aus auf die Hülse einwirken kann, muss das Geschoss nämlich die Hülse komplett verlassen haben*.

Die Gegenreaktion kommt also vor dem Gasdruck zum wirken.

So meinen die Gasdruckleuger zumindest jetzt dank neuer Erkenntnisse zu wissen. Das Problem ist nur, dass diese Erkenntnisse nicht neu sind. Der oben übrigens physikalisch völlig korrekt beschriebene Effekt ist schon seit Jahren bekannt und zwar als Auszugsgegenreaktion.

Es ist lange bekannt, dass er existiert aber es handelt sich dabei nicht um einen Rückstoß. Denn die Definition von Rückstoß verlangt, dass die Gegenreaktion auf einen schwereren Körper wirkt und die Patronenhülse ist in der Regel wesentlich leichter als das Geschoss.

Es existiert mit der russischen PSS sogar eine Pistole, die nach diesem Prinzip arbeitet. Aber deren Geschosse sind zum einen sehr schwer und zum anderen ist der Auszugsweg sehr lang. 

Bis jetzt war physikalisch betrachtet alles richtig, bis auf die Benennung als Rückstoß, aber das ändert sich, in den Auswüchsen, welche an diese Theorie angeflanscht wurden wie:

Dieser Rückstoß[gemeint ist die Auszugsgegenreaktion] ist es, der alle Waffen die keine Gasdrucklader[gemeint sind hier nur Gasdrucklader mit Laufbohrung oder Staudüse] antreibt. Es ist die REACTIO einer Bewegung der durch die Explosion in der Waffe verursacht wird.  

Und hier wird es dann auch schon kritisch und wir bekommen es mit alten Bekannten zu tun, wie dem Explosionsdenkfehler. Auch wenn man hergeht und das lateinische REACTIO anstelle des deutschen Wortes Gegenreaktion benutzt und dem Ganzen sein Genitiv-S verweigert, wirkt das nicht intelligenter oder wird dadurch auch nicht richtiger. Aber Eins nach dem Anderen.

Erstens, ist die Auszugsgegenreaktion relativ schwach. Da sich das Geschoss aus dem Hülsenmund herausquälen muss, ist seine Geschwindigkeit für innenballistische Maßstäbe relativ gering. Zudem ist die Strecke meist sehr kurz. Die Strecke auf welcher die Auszugsgegenreaktion wirken kann, ist der sogenannte rotationslose Geschossweg. Dieser endet, sobald das Geschoss mit den beginnenden Feldern des Laufes in Kontakt kommt. Dabei wird das Geschoss stark verlangsamt oder sogar noch einmal komplett angehalten, wodurch auch die Gegenreaktion entsprechend nochmal geschwächt wird oder sogar komplett aufhört zu wirken.

Erst, wenn das Geschoss den Einpresswiderstand überwunden hat und im Lauf von den Treibgasen auf Tour gebracht wird, kann eine bedeutender Gegenreaktion entstehen, den wir als Rückstoß kennen, da er auf den Stoßboden der schwereren Waffe wirkt, die Hülse ist in diesem Fall nicht der Empfänger, sondern Mittler - ein wenig Metall zwischen den Akteuren. Zwischen Entstehung der Auszugsgegenreaktion und dem Rückstoß, wirkt übrigens der Gasdruck aus sich selbst als Stoßbodenkraft.

Unsere Theoretiker haben also nichts anders gemacht, als zwei Kräfte zu finden, die in ihr Bild passen, diese zu einer einzigen Kraft zu verbinden und dabei die Kraft zu überspringen, die sie, aus welchem Grund auch immer, nicht mögen. Klarer Fall von selektiver Wahrnehmung.

Zweitens ist der chemische Ablauf in der Brennkammer der Patronenhülse immer noch keine Detonation, sondern eine stetige Verbrennung ein Abbrand. Das Ziel ist es nämlich nicht, die Waffe mit einer abrupten Explosion sinnlos zu belasten und die Bewegungsenergie des Geschosses, durch die Reibung im Lauf wieder zu verlieren, sondern man will die Waffe möglichst wenig belasten und die Gase der Verbrennung möglichst lange ausnutzen, um das Geschoss durch den Lauf zu schieben.

Aber fassen wir mal die Theorie der Gasdruckleuger zusammen und stellen sie dann auf den Prüfstand.

Es kommt in der Waffe zu einer Explosion, diese erteilt dem Geschoss einen Stoß*², das Geschoss bewegt sich darauf hin. Die durch diese Bewegung verursachte Gegenreaktion bewegt den Verschluss der Waffe zurück.

Na dann gucken wir und doch diese Theorie des "Vereinigten-Rückstoßes" in der Praxis an drei Waffen an.

Hi-Point 9x19mm, eine Selbstladepistole mit reinem Masseverschluss in Form eines massiven Schlittens. Nach der oben erklären Theorie funktioniert die Pistole ohne Probleme. Dem "Vereinigten-Rückstoß" wird einfach eine große Masse entgegengesetzt, dessen Trägheit den Verschluss daran hindert die Sicherheitsstrecke zu überschreiten, bis das Geschoss den Lauf der Waffe verlassen hat.

H&K VP-70 9x19mm, eine Selbstladepistole ebenfalls mit reinem Masseverschluss aber dieses mal ist die Masse des Verschlusses sehr viel geringer. Jetzt bekommt die Theorie ein Problem, denn der "vereinigte Rückstoß" ist ja genau so stark wie bei der Hi-Point auch. 

Jetzt werden eventuell einige anführen, dass die VP70 ja ein tieferes Zugprofil hat aber was daran genau beeinflusst die Auszugsgegenreaktion? Diese wird alleine von der Patrone bestimmt, also von Pulvermenge, Geschossgewicht und Auszugsstrecke des Geschosses. Eine 9x19mm Quakemaker Patrone gibt Hi-Point und VP70 genau die gleiche Auszugsgegenreaktion mit.

PM Makarov mit 9x19mm Patrone, noch extremer wird es, wenn wir uns eine mit einer 9x19mm Patrone geladene Selbstladepistole PM ansehen. Dessen Schlitten ist noch mal leichter, als jener der VP70 und entsprechend der Theorie des "vereinigten Rückstoßes" müsste der Schlitten der Hi-Point genau so viel aushalten wie der Schlitten der Makarov. Dass das nicht möglich ist und der Schlitten der Hi-Point nicht so schwer ist, weil beim Hersteller noch so viel Material überschüssig war, dürfte jedem klar sein.

Also erklären wir die Waffen noch mal kurz aus der Sicht seriösen Wissenschaft, welche den Gasdruck als die Antriebquelle anerkennt.

Die H&K VP-70, kann deswegen mit einem leichteren Schlitten ausgeführt werden, weil ihr Zugprofil tiefer geschnitten ist. Die Auszugsgegenreaktion von 9x19mm ist zu schwach, um den Schlitten bedeutend zu bewegt. Der Gasdruck hingegen wird dadurch geschwächt, dass Gas aus dem Lauf, durch die Zugsrinnen, am Geschoss vorbei aus dem System abgelassen wird. Das abgelassene Gas senkt den Druck im Lauf, der nicht mehr mit voller Kraft über die Patronenhülse auf den Verschluss wirken kann. Der Verschluss ist weniger Krafteinwirkung ausgesetzt und benötigt so auch weniger Masse, um dieser geringeren Kraft widerstehen zu können.

Für die Makarov PM gilt das gleiche, nur dass der Lauf für 9,25mm Geschosse kalibriert wurde und deswegen das Gas überall an den 9x19mm Geschossen vorbeiströmen kann, deren Durchmesser nur 9,02 mm beträgt. Hier geht derart viel Gas verloren, dass dessen Kraft hinten von der Masseträgheit des keinen Verschlusses gehalten werden kann. (Bitte nicht nachmachen).

Warum die Rückstoß-Theorie in ihrer alten und ihrer angeblich neuen Theorie auch bei anderen Waffen wie Schwarzlose M1908, Mauser M1916 und H&K P7 nichts taugt, sehe ich mir ein anderes Mal an.


*Hier ist ein kleiner Fehler, um den es im Text nicht geht und deswegen hier in der Fußnote erklärt werden soll. Der Gasdruck kann auch dann von sich aus wirken, wenn dem Geschoss ein Gegenlager geboten wird. Wenn ein Geschoss mit den beginnenden Feldern des Laufes in Kontakt kommt, kann es sich von diesem sozusagen gegen die Patronenhülse abstützen und so dem Gasdruck die Möglichkeit geben, die Patronenhülse als Selbstkolben nach hinten zu treiben. 

*²Was einige selbsternannte Experten auch oft machen ist, dem Geschoss einen elastischen Stoß zu geben, das klingt zwar intelligenter, weil einige den Begriff eventuell noch aus dem Physikunterricht kennen. Ist beim einem Geschoss jedoch völlig fehl am Platz, da es sich um einen Körper handelt. Für einen elastischen Stoß braucht man mindestens zwei Körper.