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13 April 2026

Das große Rätsel um den Verschluss der Luger Pistole P-04

Wir wurden gefragt, ob wir denn mal unsere Meinung zum Öffnungs- oder Antriebs-Paradoxon der Luger abgeben können. Damit sind natürlich vor allem die Ausführungen der Parabellum-Pistole von George Luger gemeint, dessen bekannteste aber nicht einzige Ausführung der P-08 ist.

Um das Paradoxe an der ganzen Sache zu verstehen, müssen wir erstmal einen Blick auf das Verriegelungssystem der Luger werfen, denn diese verwendet ein Kniegelenk. Genauer ein unterknicktes Kniegelenk, dies bedeutet, dass das Gelenk entgegen seiner späteren Öffnungsrichtung leicht gebeugt ist. Damit unterscheidet sich die Luger von der Borchardt C93, diese verwendet ein gestrecktes Kniegelenk und der Erma KGP welche ein überknicktes oder angeknicktes Kniegelenk verwendet.

Wenn jetzt eine Kraft auf den Stoßboden der Waffe wirkt, versucht sich das Kniegelenk der Luger zu öffnen, jedoch in die falsche Richtung, da das Gelenk seine bereit vorher vorhandene Knickbewegt weiterführen möchte aber nicht kann, da die Bewegung vom oberen Waffengehäuse, im Handbuch der Luger P-08 Gabelstück genannt, im Weg ist. Weil Druck nun mal nicht intelligent ist, wird das Kniegelenk stumpf gegen das Gehäuse gepresst.

Mit der Beschleunigung des Geschosses kommt es nach Isaac Newton zu einer Gegenreaktion, welche den Schlitten der Luger, im Handbuch Gabelstück und Lauf genannt, nach hinten wirft, dabei trifft das nach außen geometrisch erweiterte Mittlere Gelenk, das namesgebende Kniegelenk, auf eine schräge Ebene welche Teil des Griffstücks ist und nun kommt es zum besagten Paradoxon. 

Um den Verschluss der Luger zu entriegeln, muss das Kniegelenk, bevor es sich nach oben öffnen kann, zunächst aus der bisher vorherrschenden Unterknickung heraus geholt und zunächst in eine gestreckte Position gebracht werden. Aus Sicht der Trigonometrie muss sich der Verschluss dabei jedoch erstmal dem Lauf für einige Millimeter nähern.

Dazu betrachtet man das unterknickte Kniegelenk als ein Dreiecke, wobei die beiden Arme als deren Schenkel a und b und eine gedachte Linie als Gesamtlänge des Verschlusses als c versteht. Wird nun der Winkel γ (Gamma) in der Ecke C (zwischen den Strecken a und b) vergrößert, also gesteckt, so verlängert sich die gedachte Stecke c. 

Der Verschlussabstand wird verringert, der Verschluss bewegt sich demzufolge auf den Lauf zu.

Darauf folgt nun die Erklärungsnot einiger Modelle, welche das Luger Paradoxon ausmachen. Befinden wir uns zum Beispiel in einem überkommenen Modell, welcher für den Antrieb nur eine Kraft kennt, dann müssen wir erklären, warum die Kraft an der Schräge in der Lage ist das Kniegelenk so zu öffnen, dass sich der Verschluss in Richtung Schussrichtug bewegt, während die Kraft, welche den Schlitten der Waffe nach hinten geworfen hat, ja versucht den Verschluss nach hinten zu treiben.

Oder nochmal aus einer anderen Perspektive. Der Stoßboden möchte sich gerne nach hinten bewegt, sitzt aber durch die Unterknickung des Kniegelenks in der Fall. Nun kommt es, dass das Kniegelenk von der Steuerkurve angestoßen wird, was für einige Millimeter dafür sorgt, dass der Stoßboden, entgegen der Stoßbodenkräfte, die Patronenhülse wieder weiter in das Patronenlager zurück drückt.

Wie zunächst auch ich selber, werden aufmerksame Leser nun natürlich anführen, dass das Ganze in etwas wie folgt aufläuft:

Die Stoßbodenkraft treibt den Schlitten, genauer Gabelstück, Lauf und Verschluss, an wobei diese eine gewisse kinetische Energie entwickelt. Nun kommt es im Lauf selber, erst durch die Geschossbewegung und später durch den Austritt des Geschosses, zu einem Druckabfall im Lauf und damit zu einer starken Abschwächung der Stoßbodenkraft.

Wenn nun die Koppelgruppe mit der ihr innewohnenden kinetischen Energie, mit dem Kniegelenk an die griffstückfeste Steuerkurve prallt, überwiegt, nach dieser Vorstellung, diese die Stoßbodenkräfte, welche zu diesem Zeitpunkt noch auf den Stoßboden wirken. 

So könnte man sich das Ganze zumindest erklären, wenn nicht bekannt wäre, dass die Luger unfassbar heiß öffnet und dass das Geschoss, der P-08, den Lauf gerade mal knapp verlassen hat, wenn es zum Kontakt zischen Kniegelenk und Steuerkurve kommt. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen belegen dies.

Bei der langen P-08 befindet sich das Geschoss angeblich sogar noch im Lauf, was auch der Grund für die absurd hohe Feuergeschwindigkeit war, welche Prototypen der langen P-08 aufweisen, welche während des Ersten Weltkrieges auf Schnellfeuer umgebaut wurden.

Wer sich besser mit Innenballistik auskennt wird aufgrund dieser Tatsachen nun wissen, dass der Druck am Stoßboden einer Waffe, nach dem Austritt des Geschosses, nicht so schnell abfällt, wie einige das vermuten, dies ist auch gut so, denn der Restgrasdruck (eng. residual gas pressure) ist, wie bei beinahe allen Selbstladewaffen, mit verantwortlich für den Verschlussantrieb.

Besonders die Luger ist auf diesen zusätzlichen Antrieb, nach der Entriegelung, angewiesen, da der alleinige Stoß der Steuerkurve gegen das Kniegelenk dieses nicht ganz nach oben schleudern kann. Wird in eine Luger Pistole eine Lugersche Kröpfungrille (auch bekannt als Revelli-Rillen) eingeschnitten, welche ein herausdrücke der Patronenhülse nach hinten verhindert oder verlangsamt, kommt es bei einer Luger zu, durch Unterfunktion verursachten, Ladehemmungen.

Eine Luger ist demnach auf den Resteigengasdruck angewiesen, um zuverlässig zu funktionieren. Und hier beißt sich unsere Katze in den Schwanz und das Paradoxon entfaltet sein ganzes Arsenal der Verwirrung.

Wir haben eine Stoßboden-Kraft, welche die Lauf-Verschluss-Schlitten Gruppe antreibt, dabei entwickelt diese Gruppe kinetische Energie, welche dann aber gegen die ursprüngliche Stoßboden-Kraft ankämpfen muss, auch wenn es nur ein paar Millimeter sind, dieser Kampf muss gewonnen werden. Nach diesem Kampf wird die Stoßboden-Kraft jedoch vom Gegner zum Verbündeten und hilft dabei den Verschluss zu öffnen und diese Hilfe muss vorhanden sein.

Das Hauptproblem ist, dass die Stoßbodenkraft nicht plötzlich schwächer und dann wieder stärker werden kann.


Wer das ganze mal in der Realität nachvollziehen möchte, der braucht nicht weiter tun, als eine Bierflasche mit Plöpp-Verschluss ordentlich schütteln. Wenn man nun mit beiden Daumen versucht den Verschluss aufzudrücken, ist es erst schwer, wird dann noch schwerer, bis es dann laut Plöpp macht und der Verschluss regelrecht aufspringt und sich der Inhalt der Flasche über den Boden ergießt. Auch hier muss man bei den erstem paar Millimetern der Öffnungsbewegung zunächst gegen den Druck im Inneren der Flasche ankämpfen, bis einem dieser dann, nach Überwindung des Streckpunktes, plötzlich hilft und einem der Riegel der Flasche regelrecht aus den Finger springt.


Um das Paradoxon nachhaltig aufzuklären, müsste man eine Luger mit einer blinden Auszieherkralle und einer Madenkammer ausstatten. Eine blinde Auszieherkralle ist einfach eine Auszieherkralle, welche keine Kralle mehr hat und so eine Patronenhülse nicht ausziehen kann. Eine Madenkammer ist eine Patronenkammer, welche über eine oder mehrere Schrauben verfügt, welche innen so auf die Patronenhülse drücken, dass diese sich nicht mehr nach hinten, aus dem Patronenlager heraus, bewegen kann. Würde man nun noch eine Zeitlupenaufnahme von einer so manipulierten Luger machen, würde man sehen welche Bewegung das Kniegelenk alleine angetrieben durch den Aufprall auf die Steuerkurven vollführen könnte.

Das Ergebnis wird wahrscheinlich nicht sehr weit, oder nicht sehr hoch sein, denn George Luger hat seine Parabellum Pistole nicht aus Spaß als äußerst heiß öffnendes System entwickelt.

12 Januar 2023

Waffenfunktion: Direkter Gasdrucklader mit Kniegelenk Masseverschluss

Funktionsbeschreibung eines Feuerwaffenverschlusssystems. Angetrieben durch direkten Gasdruck, verriegelt durch Kniegelenk Masseverschluss. Eingesetzt bei der ERMA KGP-68.

Kinematik: Direkter Gasdrucklader, Masseverschluss Kniegelenk

Bild 1: Die Waffe ist geladen und befindet sich in Ruheposition. Das Kniegelenk (grün) ist überknickt, das mittlere Gelenk befindet sich über die gedachten Laufseele.

Bild 2: Der Schuss bricht, der durch die Umsetzung des Treibmittels entstandene Gasdruck treibt das Geschoss aus der Patronenhülse heraus in den Übergangskonus des Laufes. Tritt das Geschoss in der Übergangskonus ein, ist der Gasdruck in der Lage, die Patronenhülse nach hinten zu schieben. Da diese vom Verschlusskörper (rot) abgestützt wird, wird dieser ebenfalls nach hinten getrieben. Der nur kraftschlüssig verriegelte Verschluss (rot) tritt seine Rückwärtsbewegung an und überträgt diese auf den Kniehebel (grün).

Bild 3: Da der Kniehebel (grün) bereits nach oben hin eingeknickt ist, möchte er sich weiter in diese Richtung öffnen und ist dazu auch in der Lage. Bei seiner weiteren Einknickung, muss lediglich seine Masseträgheit überwunden werden.

Bild 4: Da die Masse des Geschosses geringer ist als die Summe der Massen von Verschluss (rot) und Kniehebel (grün), kann das Geschoss den Lauf verlassen, bevor sich der Verschluss über die Sicherheitsstrecke der Patronenhülse hinaus öffnen kann.

Bild 5: Das Geschoss hat den Lauf der Waffe verlassen, der Verschluss hat aber in den vorherigen Phasen genug Bewegungsenergie aufnehmen können, um sich durch das Beharrungsvermögen seiner Masse vollständig öffnen zu können.

Grundlagen:

Die principiellen Eigenschaften der automatischen Feuerwaffen, Karel Krnka, 1902

Die Handfeuerwaffen Ihre Entwicklung und Technik, Robert Weisz, 1912

Innere Ballistik. Die Bewegung des Geschosses durch das Rohr, C. Cranz, 1926

Handfeuerwaffen, Systematischer Überblick, Jaroslav Lugs, 1956

Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch, Dr. R. Germershausen, 1977

Waffenlehre - Grundlage der Systemlehre, Wolfgang Pietzner, 1998

Verschlusssysteme von Feuerwaffen, Peter Dannecker, 2016

Hatcher's Notebook, A Standard Reference Book, Julian S. Hatcher, 1948

The Machien Gun Analysis of Automatic Fiering Mechanims, Georg M. Chinn ,1955

Engineering Design Handbook Automatic Weapons, USA Materiel Command, 1970

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung von:

waffentechnik.wordpress.com.

29 Dezember 2022

Waffenfunktion: Direkter Gasdrucklader mit einfachem Masseverschluss

Funktionsbeschreibung eines Feuerwaffenverschlusssystems. Angetrieben durch direkten Gasdruck, verschlossen durch einfachen ungebremsten Masseverschluss. Eingesetzt bei IMI Uzi, Walther PP, oder PM Makarow.

Kinematik Direkter Gasdrucklader, Masseverschluss
Bild 1: Die Waffe ist geladen und befindet sich in Ruheposition.

Bild 2: Der Schuss bricht, die bei der Verbrennung der Treibladung entstehenden Pulvergase wirken zu allen Seiten hin. Der auf den Seelenboden der Patronenhülse wirkende Druck kann nichts ausrichten, da die Hülse zu seinem Zeitpunkt noch ein geschlossenes System bildet. Würde man zumindest erwarten. Da das Geschoss, mittels seiner Masseträgheit dem Gas jedoch ein temporäres Gegenlager bietet, drückt das Gas zeitglich die Patronen Hülse nach hinten und das Geschoss nach vorne. Die zu den Seiten hin wirkenden Pulvergase sorgen für die Liderung des Patronenlagers gegen das rückwärtige austreten von Pulvergasen. Die auf den Geschossboden wirkenden Pulvergase treiben das Geschoss aus der Hülse hinaus in den Lauf.

Bild 3: Das Geschoss tritt in den Übergangskonus ein. Da die Hülse nun kein geschlossenes System mehr darstellt, ist der Gasdruck nun in der Lage. Die Patronenhülse als Hohlkolben nach hinten zu treiben. Da diese vom Verschluss (rot) abgestützt wird, überträgt sich die Rückwärtsbewegung auf den Verschlusskörper. Da der Verschluss kraftschlüssig verriegelt ist, beginnt er darauf sofort mit einer Rückwärtsbewegung.

Bild 4: Da der Verschluss durch eine Masse eine größere Trägheit aufweist als das Geschoss, bewegt er sich langsamer nach hinten als das Geschoss nach vorne. Durch diesen Nachteil, wird das Geschoss den Lauf der Waffe bereits verlassen haben, bevor die Hülse über ihre Sicherheitsstrecke hinaus ausgezogen sein wird.

Bild 5: Das Geschoss hat den Lauf der Waffe verlassen, worauf der Druck im Lauf schlagartig abfällt. Sobald dies passiert ist, kann sich der Verschluss gefahrlos komplett öffnen, ohne die Waffe zu gefährden. Der Rücklauf des Verschlusses wird durch sein Beharrungsvermögen bewerkstelligt, sprich durch die von ihm aufgenommene Bewegungsenergie während der vorherigen Phasen.

Grundlagen:

Die principiellen Eigenschaften der automatischen Feuerwaffen von Karel Krnka, 1902

Die Handfeuerwaffen Ihre Entwicklung und Technik von Robert Weisz, 1912

Innere Ballistik. Die Bewegung des Geschosses durch das Rohr von C. Cranz, 1926

Handfeuerwaffen, Systematischer Überblick von Jaroslav Lugs, 1956

Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch von Dr. R. Germershausen, 1977

Waffenlehre – Grundlage der Systemlehre von Wolfgang Pietzner, 1998

Verschlusssysteme von Feuerwaffen von Peter Dannecker, 2016

Ergänzungsband 1 von Peter Dannecker, 2020

Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik von Thomas Enke, 2021

Hatcher’s Notebook, A Standard Reference Book von Julian S. Hatcher, 1948

The Machine Gun Analysis of Automatic Firing Mechanism von Georg M. Chinn ,1955

Engineering Design Handbook Automatic Weapons vom USA Materiel Command, 1970

Assault Rifle Development of the Moddern Military Rifle von Popenker & Williams, 2004

Tactical Small Arms of the 21st Century von Charles Cutshaw, 2006

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung von:

waffentechnik.wordpress.com.